20. Spieltag 3.Liga 2009/10



FC Erzgebirge Aue - Kickers Offenbach 4:2 (0:2)
Samstag, 12.12.2009 14:00 Uhr


Vorbericht

Einzig Rico Schmitt verlor nach dem Spiel des Jahres nicht die Bodenhaftung und verwies lediglich auf sein glückliches Händchen bei der Einwechslung von Nico Klotz. Doch wenn man zur Halbzeitpause bereits 0:2 hinten liegt und die Partie noch mit 4:2 gewinnt, dann hat dies sicherlich nichts mit Glück zu tun. Kampf, Einsatzwillen, mannschaftliche Geschlossenheit, ein enormer Ehrgeiz, kurzum die Wismuttugenden spielten an diesem geschichtsträchtigen Tag eine gewichtige Rolle. Die Veilchen rückten mit dem fünften Sieg im fünften Heimspiel gegen die Offenbacher auf Aufstiegsplatz zwei vor. "Ein geiler Kick! So was habe ich noch nie erlebt", fand auch FCE-Präsident Bernd Keller das letzte Heimspiel im Jahr 2009 mehr als gelungen. Offenbachs Coach Steffen Menze machte dagegen seinem Ärger Luft. "Wir leiten die Wende mit unseren Fehlern selber ein", haderte der 40-Jährige Coach über seine Mannschaft, die er nach dem 1:2 gegen Bayern München auf zwei Positionen verändert hatte. Für den verletzten Mesic spielte Türker im Angriff und für Chaftar rückte Teixeira in die Viererkette. Rico Schmitt wandelte seine Startformation nach dem 2:1-Heimsieg über Werder Bremen II an drei Stellen um: Marco Stark, Nico Klotz und Pierre le Beau machten Platz für Thomas Paulus, Alban Ramaj sowie Marc Hensel.
Kaum angepfiffen, wäre Sebastian Glasner fast erneut ein schnelles Tor gelungen. Zehn Sekunden waren vergangen, da schoss Offenbachs Schlussmann Wulnikowski nach einem Rückpass den nachsetzenden Mittelstürmer an und der Ball trudelt Zentimeter am Pfosten vorbei. Kurz darauf traf der 24-Jährige, aber ins eigene Tor: Nach einem Freistoß von Pfingsten-Reddig fiel ihm das runde Leder auf den Kopf - reagieren zwecklos und Martin Männel chancenlos. Bei den lila-weißen Kickern zeigte das Gegentor erst einmal Wirkung. Die Platzherren brauchten eine gewisse Zeit, um sich neu zu sortieren und kassierten fast das zweite Tor. Laux stand plötzlich alleine vor Martin Männel, der mit einer großartigen Parade zur Ecke klären konnte (11.). Ab da versuchten auch die Hausherren mehr Druck nach vorne aufzubauen, doch fand Najeh Braham zweimal seinen Meister in OFC-Keeper Wulnikowski, der beide Kopfbälle des Tunesiers aus der Torecke fischen konnte (16.). Und als Aue sich immer mehr dem Ausgleich näherte, hatten die Kickers mit dem 2:0 in der 24. Minute von Zinnow das Spiel bereits für sich entschieden. Ein Sololauf von Pfingsten-Reddig wurde von René Klingbeil zwar im letzten Moment noch gestoppt, doch bei der Grätsche geriet das Leder zu Zinnow, der aus zehn Metern abstauben konnte.
Für viele der 7.700 Zuschauer war die Partie damit schon gelaufen. Auch die Veilchen taten sich mit dem Rückstand schwer und konnten spielerisch den Offenbachern nicht das Wasser reichen. War die Kugel mit großen Anstrengungen erkämpft wurden, so vergingen keine zehn Sekunden bis der Gegner wieder das Objekt der Begierde besaß und nach der fünften Ecke für den OFC erzielte Pospischil, nach einem Fehler von Torwart Martin Männel, beinahe noch das 3:0 (40.). Die einzig nennenswerte Aktion für die Veilchen noch vor der Kabinenpredigt war Marc Hensels Kopfball, der um Haaresbreite am Aluminium vorbeizischte (42.). Dass der FC Erzgebirge die erste Ecke erst in der 36. Minute zugesprochen bekam, zeigte obendrein eine gewisse Chancenlosigkeit gegen dominierende Gäste, die als Spitzenreiter der 3. Liga in die Halbzeitpause gingen. Doch es folgten 45 unfassbare Minuten, ganz nahe am Herzkasper. "Viel musste ich nicht sagen. Ich habe gespürt, wie unzufrieden die Spieler waren", berichtete Rico Schmitt über die getrübte Stimmung in den Katakomben. Doch Kapitän Tomasz Kos traf wohl die richtigen Worte: "Wir haben ein paar Dinge angesprochen - so, wie das Männer eben machen. Und es hat funktioniert."
Bereits kurz nach dem Wiederanpfiff bereinigte Thomas Paulus einen Offenbach Eckball mit einem satten Pfund Richtung Mittelkreis. Dort verlor Teixeira den Zweikampf gegen den für Alban Ramaj eingewechselten Nico Klotz, der im Anschluss noch Hysky mit einem Hackentrick überlief und die 40 Meter zum gegnerischen Tor in Rekordzeit runterfetzte. Ganz cool und abgeklärt schlenzte der 23-jährige Rohdiamant dann die Kugel mit dem Außenrist am herausstürmende Keeper Wulnikowski vorbei zum 1:2-Anschlusstreffer. Dieses Tor hatte nicht nur die Mannschaft sondern auch das Publikum aufgeweckt. "Von den Emotionen her ist diese Partie nicht mehr zu überbieten", wusste auch Sebastian Glasner um die magischen Momente, als die vorbeifahrende Dampflok das Signal zum Angriff gab. Daraufhin blühten die Veilchen im überzuckerten Erzgebirgsstadion immer mehr auf und beim OFC fehlte urplötzlich Ruhe und Sicherheit, bis hin zur Panik: Nach einem Rückpass hätte sich Wulnikowski den Ball fast selbst ins Tor gekickt (52.). Und als Rico Schmitt die Abwehr mit Pierre le Beau für den in der ersten Halbzeit überforderten Sven Schaffrath stabilisierte, klappte bei den Hessen offensiv auch nichts mehr.
Anders hingegen die wie im Rausch spielenden und immens drückenden Platzherren. Najeh Braham zog nach einem Querschläger von Pfingsten-Reddig aus fast unmöglichen Winkel von der rechten Strafraumgrenze einfach mal ab. Sein Aufsetzer schlug nicht ganz unhaltbar für Offenbachs Torwart im langen Eck ein (66.). Der Ausgleich war geschafft. Doch wer die Statistik kennt, weiß, dass wenn der Tunesier einnetzt, seine Farben auch als Gewinner (außer gegen Dortmund 2:2) vom Platz gehen werden. Keine vier Minuten später wäre dies bereits unterlegt wurden. Kopilas holte Najeh Braham im Strafraum etwas ungestüm von den Beinen, Schiedsrichter Martin Petersen aus Stuttgart zeigte ohne zu Zögern auf den ominösen Punkt, von wo aus der der Gefoulte die Kugel jedoch an die Latte hämmerte (70.).
Das große Zittern ging somit weiter und allerletzte Reserven wurden auch Dank des fanatischen Publikums herausgeholt - mit Erfolg. Nachdem Skerdilaid Curri von Laux beim Flanken nicht gestört wurde, übersprang Najeh Braham am langen Pfosten seinen Gegenspieler Hysky und köpfte die Hereingabe zum 3:2 am machtlosen Wulnikowski ein. "Es spricht ja für die Klasse des Spielers, wenn er nach einem verschossenen Elfmeter noch einmal trifft", so der nach seinem 10. Saisontor vor Selbstbewusstsein strahlende Najeh Braham. Das Stadion stand jedenfalls Kopf. Alle feierten ihre Mannschaft - bis auf die 200 Offenbacher, die ihr Transparent "Kämpfen" wieder eingerollt hatten. Aber auch das Offenbacher Trainergespann schien etwas ratlos zu sein, da Heitmeier bereits mehr als fünf Minuten zum Auswechseln bereitstand, dann aber die zwischenzeitliche klare Chance durch Ulm, der einen direkten Freistoß an den Pfosten nagelte (79.), seiner mit Bedacht gewählten Taktik wieder einen Strich durch die Rechnung machte. Nach weiteren vier Minuten stellte der Kickers-Coach sein Team auf eine Dreierkette um und holte seinen Kapitän Hysky vom Platz.
Den Veilchen war es egal, denn nur drei Minuten später war die Partie entschieden: Ecke Skerdilaid Curri, Kopfballverlängerung Marc Hensel und Flugeinlage Sebastian Glasner. Drei Stationen führten zum 4:2-Endstand und zum achten Heimsieg, an den wohl nach den ersten 45 Minuten keiner mehr so richtig geglaubt hatte. "So ein schönes Spiel wie heute habe ich selten erlebt", resümierte ein überragender Skerdilaid Curri, der in der 88. Minute mit Standing Ovation verabschiedet wurde. "In solchen Spielen können Helden geboren werden", hatte OFC-Sportmanager Andreas Möller vor der Reise ins Erzgebirge getönt und behielt zumindest auf Seiten der Auer Recht.
Für die Offenbacher Kickers stattdessen geht die Krise weiter. Zum dritten Mal hintereinander haben die Hessen nach der Pause eine Führung verspielt. 2:1 gegen Sandhausen - Endergebnis 3:3. 1:0 gegen Bayern München, am Ende 1:2. 2:0 gegen Aue, Endergebnis 2:4. Neun Tore haben die Kickers in den letzten vier Spielen geschossen. Das reichte aber nur zu zwei Punkten, weil die einstmals beste Abwehr der Liga laut OFC-Trainer Menze mit "anfängerhaften Fehler" spielt und in diesen Spielen zwölf Tore kassierte. "Wir haben uns wie eine Schülermannschaft verhalten", hielt Möller Frust und Wut mühsam unter Kontrolle.
Und wohin geht die Reise für die Veilchen? Der FC Erzgebirge rückt mit dem zehnten Saisonsieg jedenfalls auf Platz zwei vor und kann selbst bei einer Niederlage am kommenden Samstag in Ingolstadt nicht weiter abrutschen als auf Rang vier. "Ich denke, momentan stehen wir zurecht da oben. Aber die Rückrunde ist noch lang", sagte Sebastian Glasner. Rico Schmitt sah ebenfalls keinerlei Grund vom Aufstieg zu reden: "Wenn man zu viel spricht, geht es meistens schief. Wir haben zwölf Zähler Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz." Was solche Diskussionen anrichten können, sieht man aktuell bei den Offenbachern. Seit dem Sprung auf Platz eins schwächeln die Hessen und gleichzeitig begannen auch die Diskussionen um den Aufstieg, Zukunftsplanungen und die ersten Vertragsgespräche mit ausgewählten Spielern. Also, alles zu seiner Zeit...


Aufstellung FC Erzgebirge Aue

1 Männel
3 Kos 4 Paulus
15 Klingbeil 18 Schaffrath
22 Hensel
28 Ramaj14 Curri17 Hochscheidt
8 Glasner 9 Braham

Einwechslungen:
46. Klotz für Ramaj
64. le Beau für Schaffrath
88. Stark für Curri

Aufstellung Offenbacher Kickers

28 Wulnikowski
6 Hysky 26 Kopilas
2 Huber 4 Teixeira
23 Pfingsten-R. 15 C.Pospischil
17 Zinnow8 Ulm14 Laux
10 Türker

Einwechslungen:
64. Albayrak für Türker
83. Heitmeier für Hysky



Tore:
0:1 Glasner (2. Eigentor), 0:2 Zinnow (24.), 1:2 Klotz (49.), 2:2 Braham (66.), 3:2 Braham (76.), 4:2 Glasner (86.)


Besondere Vorkommnisse: Braham schießt Foulelfmeter an die Latte (71.)

Gelb: Hochscheidt (2) - C. Pospischil, Kopilas
Gelb-Rot:
Rot:


Schiedsrichter: Martin Petersen (Stuttgart)
Assistenten: Marcel Beck, Justus Zorn


Zuschauer: 7.700


Fotos vom Spiel


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